Im kulturpolitischen Kontext wird regelmäßig eine Forderung laut, die auf den ersten Blick naheliegend erscheint: Künstlerinnen und Künstler sollten mehr Unterstützung erhalten. Auch die Begründung dafür klingt plausibel: Viele Kunstschaffende verdienen wenig und leben oft prekär.
Forderung und Begründung passen scheinbar zueinander – und doch lohnt es sich, genauer hinzusehen. Denn es geht nicht nur darum, was gefordert wird, sondern vor allem sondern auch darum, wie KünstlerInnen dabei gedacht werden.
Das Problem liegt in der Begründung
Die oben genannte Argumentation folgt einer einfachen Logik: Da Künstler wenig verdienen, sollten sie entlastet bzw. alimentiert werden. Dabei passiert leider ganz unbemerkt etwas Zweites: Kunstschaffende werden in erster Linie über ihre ökonomische Schwäche definiert. Dadurch verändert sich das Bild des Künstlers: Weg von einer gesellschaftlich relevanten Praxis, hin zu einer Gruppe, die Unterstützung benötigt.
Das ist ein gewaltiger Unterschied: Aus jemandem, der Träger einer kulturellen Funktion ist, wird ein Empfänger von Vergünstigungen – und damit jemand, dem implizit abgesprochen wird, aus eigener Kraft bestehen zu können.
Künstlersein ist keine soziale Kategorie
Der Beruf „KünstlerIn“ ist – wie jeder andere auch – eine eigenständige Form beruflicher Praxis, die bewusst gewählt und gestaltet wird. Wie viele andere Berufe bringt auch dieser spezifische Risiken mit sich, darunter wirtschaftliche Unsicherheit.
Dass viele Kunstschaffende nur wenig verdienen, ist bekannt. Doch allein aus dieser Tatsache lässt sich kein Anspruch auf Sonderbehandlung ableiten. Sonst müsste man konsequenterweise für viele andere Berufsgruppen ähnliche Forderungen aufstellen.
Das eigentliche Problem liegt somit nicht in der Forderung selbst, sondern in der zugrunde liegenden Vergleichslogik, die berufliche Status, Einkommenssituation und gesellschaftliche Bedeutung miteinander vermischt.
Warum erhalten Künstler überhaupt Förderung?
Interessanter ist eine andere Frage: Warum erhalten KünstlerInnen überhaupt Förderung*, beispielsweise in Form von ermäßigtem Eintritt in Museen? Wenn man der am Anfang dieses Textes zitierten Argumentation folgt, lautet die Antwort: weil sie wenig verdienen. Doch diese Antwort greift zu kurz!
Ja, Kunstschaffende verdienen mit ihrer Tätigkeit zwar oft wenig, aber sie nehmen zugleich eine ganz besondere Rolle im gesellschaftlichen Gefüge ein: KünstlerInnen reflektieren Entwicklungen, sie stellen Fragen, eröffnen Perspektiven und tragen zur kulturellen Selbstverständigung einer Gesellschaft bei.
Die Kunstförderung – wie beispielsweise ermäßigter Eintritt – gleicht daher kein mangelndes Einkommen aus. Sie ist eine Form der Anerkennung (man könnte auch sagen: ein Privileg), die an diese gesellschaftliche Funktion geknüpft ist. Mit anderen Worten: Kunstförderung basiert nicht auf Bedürftigkeit, sondern auf Anerkennung.
Almosen oder Anerkennung – ein entscheidender Unterschied
In diesem Sinne hängt die Wahrnehmung davon, ob eine Vergünstigung als „Almosen“ oder als „Anerkennung“ gewertet wird, nicht von ihrer Höhe, sondern von ihrer Begründung ab:
- Wenn jemand etwas bekommt, weil er wenig hat, bewegen wir uns in einer Defizitlogik.
- Wenn jemand etwas bekommt, weil er etwas beiträgt, entsteht eine Anerkennungslogik.
Und das ist kein rein theoretischer Unterschied, denn die jeweilige Begründungslogik kann das Selbstverständnis einer ganzen Berufsgruppe entscheidend mitprägen. Wer Künstler primär über ihren geringen Verdienst definiert, verankert damit ein Bild von Bedürftigkeit. Wer sie hingegen über ihre gesellschaftliche Rolle beschreibt, stärkt ihre Position als eigenständige Akteure.
Warum Forderungen nach Alimentation problematisch sein können
Wer wohlmeinend, aber undifferenziert nach „mehr Unterstützung“ für Kunstschaffende ruft und dies ausschließlich mit deren wirtschaftlicher Lage begründet, zementiert damit das Bild einer Gruppe, die vor allem entlastet werden muss. Kurzfristig mag das zielführend erscheinen, langfristig stabilisiert diese Argumentation jedoch ein Selbstbild, das KünstlerInnen eher schwächt als stärkt.
Denn dabei gerät völlig aus dem Blick, was künstlerische Arbeit gesellschaftlich bedeutet und wie diese Arbeit strukturell gestärkt werden kann.
Was stattdessen wichtig wäre
Um die Situation von Kunstschaffenden nachhaltig zu verbessern, sind andere Wege erforderlich. Dazu gehören beispielsweise:
- faire Honorare für künstlerische Leistungen
- bessere institutionelle Einbindung
- klare vertragliche Rahmenbedingungen
- nachhaltige Förderstrukturen
- Sichtbarkeit und Anerkennung im kulturellen Feld
All diese Ansätze setzen nicht bei der Bedürftigkeit an, sondern bei der tatsächlichen Arbeit von Künstlerinnen und Künstlern an. Sie stärken somit nicht nur die Rahmenbedingungen künstlerischer Arbeit, sondern auch das Selbstverständnis von Kunstschaffenden.
Fazit: Wie wollen wir Künstler sehen?
Letztendlich geht es um eine grundlegende Frage: Wie wollen wir Künstlerinnen und Künstler als Gruppe verstehen?
- Als Menschen, die in erster Linie Unterstützung benötigen?
- Oder als Menschen, die mit ihrer Arbeit einen Beitrag leisten und dafür Anerkennung verdienen? Die aus einer eigenen Praxis heraus wirken und sich bewusst zu den Strukturen verhalten, in denen sie arbeiten?
Der Unterschied ist subtil, aber entscheidend. Denn genau hier beginnt der Unterschied zwischen Almosen und Würde. Und er beeinflusst nicht nur, welche politischen Forderungen gestellt werden, sondern auch das Selbstbild derer, die Kunst machen.
Und nun zu dir: Wie verstehst du dich als Künstlerin bzw. Künstler?
* Instrumente der Kunstförderung: Einen Artikel zu denn verschiedenen Förderinstrumenten, mit denen Kunstschaffende aktuell unterstüttz werden, findest du hier: Kunstförderung: Welche Unterstützung für Kunstschaffende gibt es?






