Kunst ist mehr ist als Werkproduktion

Warum Kunst mehr ist als Werkproduktion – und warum das am Anfang niemand weiß

Viele Menschen beginnen ihre künstlerische Arbeit mit einer scheinbar klaren Vorstellung: Kunst bedeutet, Werke zu schaffen, diese „Produkte” auszustellen und sie idealerweise auf dem (Kunst-)Markt zu verkaufen. Die logische Konsequenz ist, dass sie sich nach Fertigstellung der ersten Arbeiten mit ihrer Kunst bei einer Galerie vorstellen möchten, denn Galerien gelten als Orte, an denen künstlerische Erzeugnisse gezeigt und verkauft werden.

Diese Sichtweise ist weder naiv noch völlig falsch. Ihre Logik ist sogar naheliegend, denn sie wird gesellschaftlich ständig wiederholt. Unser Wirtschaftssystem funktioniert im Kern genau so: Das, was wir herstellen, gilt als Produkt, und Produkte gehören auf einen Markt. Warum sollte das bei Kunst anders sein? Es ist deshalb nur folgerichtig, dass viele Kunstschaffende ihr eigenes Tun nach diesem Schema strukturieren wollen. Zudem gibt es zahlreiche Angebote, die diese Logik bedienen und Kunstschaffende bei der Vermarktung ihrer Arbeit unterstützen.

Kunst beginnt als Praxis – nicht als Produkt

Dass die Vorstellung vom Kunstwerk als Produkt zu eng ist, zeigt sich meist erst mit der Zeit. Und zwar nicht als theoretische Erkenntnis, sondern durch die Erfahrung, künstlerisch tätig zu sein.

Eine kleine Anekdote dazu: Ich habe meine Ausbildung an der Art Students League in New York absolviert. In der beliebten Cafeteria saßen wir regelmäßig stundenlang zusammen und diskutierten. Immer wieder kursierte dort der Satz: „Das einzige Problem an einem Bild ist, es zu verkaufen.“ Diese Vorstellung empfand ich schon damals als äußerst frustrierend. Als junge Künstlerin argumentierte ich vehement dagegen: „Nein, das eigentliche Problem bei einem Kunstwerk ist, es zu erschaffen. Denn wenn es so wäre, wie ihr sagt, dann wäre das einzige Problem eines Hirnchirurgen ja auch nicht der operative Eingriff selbst, sondern schlicht, Patienten zu finden.“

Bleiben wir also zunächst bei der Tätigkeit an sich, beim Erschaffen eines Kunstwerks, und stellen die Frage nach dessen Vermarktung bewusst zurück. Bevor ein Werk gezeigt, bewertet oder gar verkauft wird, wird gearbeitet. Kunst ist eine Tätigkeit. Sie beginnt mit Hinsehen, Entscheiden, Verwerfen, Aushalten und Wiederholen. Sie vollzieht sich im Inneren der Kunstschaffenden, lässt sich nicht beschleunigen und ist ein Prozess, dessen Resultat sich erst später in Handlungen und schließlich in einem Werk nach außen hin zeigt.

Das, worum es eigentlich geht, der Lernraum, den die Kunst uns zur Verfügung stellt, liegt somit vor dem fertigen Werk. Dass am Ende ein Werk entsteht, ist lediglich ein mögliches Ergebnis künstlerischer Arbeit. Die künstlerische Praxis selbst aber ist ein Prozess, der sich zwar in einem Werk zeigen kann, der sich aber ebenso – und oft sehr wesentlich – in den inneren Vorgängen des Kunstschaffenden ereignet.

Damit dies aber möglich wird, muss der Lernraum, den die Kunst zur Verfügung stellt, offen bleiben. Kunst braucht Raum – einen Raum, in dem Bedeutung, Form und Richtung nicht vorgegeben sind, sondern durch den Kunstschaffenden selbst entsteht. Genau darin unterscheidet sich Kunst von vielen anderen Tätigkeiten, die auf klar definierte Ziele und Abläufe ausgerichtet sind. (Und in diesem Sinne ist der Kunstschaffende tatsächlich auch freier als die Hirnchirurg.)

Nicht verkaufen ist kein Scheitern

Damit Kunst ihre Kraft entfalten kann, darf der künstlerische Lernraum also nicht von vornherein festgelegt sein, insbesondere und gerade auch nicht durch fremde Marktlogiken. Die Erfahrung vieler Kunstschaffenden, (noch) nicht zu verkaufen, wird innerhalb eines Kunstverständnisses, das sich primär an Produkt- und Marktlogiken orientiert, jedoch häufig als persönliches Versagen interpretiert.

Tatsächlich ist das Nicht-Verkaufen oft nichts anderes als ein Zeichen von Anfang, von Suchbewegung, von noch nicht abgeschlossener Praxis. Und manchmal vielleicht auch ein leiser, unbewusster Widerstand gegen eine unangemessene Fremd- bzw. Produktlogik.

Künstlerisches Arbeiten braucht Zeit. Zeit, um eine eigene künstlerische Sprache, eine eigene Form, um eine eigene Haltung zu entwickeln. Eine Haltung, die der inneren Orientierung entspricht und nicht einfach nur auf äußeren Erwartungen antwortet. Eine Haltung, die sich nicht unterwirft, die nicht einfach nur das abliefert, was das System einfordert. Eine Haltung, die die umgebenden Systeme als Kontexte zu begreifen, zu denen sie einen eigenen Standpunkt einnehmen darf. Genau aus dieser inneren Verortung heraus und aus der Fähigkeit, sich zu bestehenden sozialen, ökonomischen, institutionellen oder kulturellen Systemen – etwa dem Kunstmarkt – in ein bewusst gewähltes Verhältnis zu setzen, entwickelt sich Kunst.

Diese Haltung fällt nicht vom Himmel. Am Anfang der künstlerischen Praxis ist sie meist noch nicht vorhanden. Sie entsteht erst mit der Zeit.

Und mit der Zeit weitet sich bei vielen Kunstschaffenden auch der Blick darauf, was Kunst sein kann. Nicht alle Wege führen in den Kunstmarkt – und das ist kein Mangel. Orientierung entsteht selten durch frühe Zieldefinitionen, sondern durch Erfahrung, Umwege und Korrekturen.

Eine weiter gefasste Perspektive

Kunst ist so viel mehr als Werkproduktion. Sie ist eine Praxis, in der Menschen lernen, wahrzunehmen, zu entscheiden und Verantwortung zu übernehmen – für ihre Arbeit und für ihre Art, in der Welt zu sein. Dass dies am Anfang oft unsichtbar bleibt, ist kein persönliches Versäumnis, sondern einfach nur Teil des Weges.

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